Am Ende: Hansueli Hauenstein, Pfarrer In Sins/Muri Und Gefängnisseelsorger Im Grosshof Kriens, Predigt Zum Reformationstag Und Totensonntag

Am Ende: Hansueli Hauenstein, Pfarrer in Sins/Muri und Gefängnisseelsorger im Grosshof Kriens, Predigt zum Reformationstag und Totensonntag

Am Ende

Predigt zum Reformationstag und Totensonntag (2016)

Am Ende des Evangeliums nach Johannes steht einer der vielen wunderbaren Sätze, mit denen uns dieses Buch zu überraschen vermag: „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wollte man das alles, eins ums andere, aufschreiben, so würde meines Erachtens die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die dann zu schreiben wären.“

Wieso finde ich das wunderbar? Erstens deshalb, weil „Johannes“ ganz offensichtlich um seine Grenzen weiss. Was er von seinem Helden zu erzählen hat, kann dessen Leben nicht gerecht werden. Auch noch so viele Bücher oder Akten oder Datenträger oder Facebook-Einträge reichen nicht aus, wenn es darum geht, die unglaubliche Vielfalt eines Menschenlebens zu erfassen. In unserer Zeit der Dokumentations- und Registrierungswut könnte uns das trösten. Und es könnte uns von dem narzisstischen Versuch entlasten, jedes Detail unseres Daseins in welchem sozialen Netzwerk auch immer für die Ewigkeit aufzeichnen zu wollen.

Von den Verstorbenen, von jedem und jeder einzelnen, liesse sich mehr sagen, als die Welt an Büchern zu fassen vermag. Dass Johannes das erkennt und vor allem, dass seine Aufzeichnungen mit dieser Erkenntnis einen Abschluss finden, spricht für ihn. Sein ganzes Können, seine unglaubliche Sprachkunst, seine Ironie, seine Trauer und seine Sehnsucht hat er in seinen Text verwoben. Nun ist es genug. Wer lesen kann – all die vielen Zeichen, die eine Lebensgeschichte ausmachen – soll lesen, was da steht. Dazu gehört dann auch das nicht oder nicht mehr gesagte. Mehr ist nicht nötig.

Nötig ist, dass überhaupt etwas dasteht. Johannes hat seinem Schreiben Grenzen gesetzt. Aber diese Grenzen umfassen den Versuch, dem Geheimnis und dem Anspruch eines Lebens schreibend nahe zu kommen. Dies geschieht nicht – kann nicht geschehen – in der direkten, unmittelbaren Begegnung. Jesus ist ja schon „erhöht“, das heisst dieser Welt als greifbare Person entzogen. Sein Leben und Wirken, seine Botschaft und seine Gegenwart sind jetzt nur noch über Zeichen zugänglich, über Buchstaben und Worte.

Die Begegnung mit dem lebendigen Christus geschieht lesend. Das griechische Wort für diesen Vorgang des Lesens bedeutet wörtlich „wieder erkennen“: in den Zeichen und Hinweisen, die von einem Leben zeugen, erkenne ich das, was sich mit meinem eigenen Dasein verbindet. Tote und andere Abwesende entziehen sich meinem Zugriff.

Das gilt für das Menschliche ebenso wie für das Göttliche. Wollen wir dem einen oder dem anderen gerecht werden, müssen wir lesen lernen, vielfältigen Zeichen auf die Spur kommen, uns lösen von der Illusion unmittelbarer und umfassender Nähe. Dies ist die Grunderkenntnis der Reformation.